Margarete Zahn, zwei Ausstellungen mit zwei Werkgruppen
Zwei Wege, ein Gedanke – Bezüge zur Unendlichkeit
Mit CUT-OUTS sowie neuen und alten Kreuzen ist die Frankfurter Künstlerin Margarete Zahn in diesen Tagen in zwei parallellaufenden Ausstellungen in Frankfurt-Bockenheim vertreten. Ab 14. Januar 2026 zeigt sie ihre CUT-OUTS in der Galerie KunstRaum Bernusstraße bei Marina Grützmacher (bis 20. Februar 2026) und am Sonntag, 18. Januar 2026, eröffnet die Kulturplattform Podium der Frauenfriedenskirche in den Ausstellungsräumen der Taufkapelle eine Werkschau mit alten und neuen Kreuzen (bis 1. März 2026).
Die beiden Ausstellungen zeigen über 40 Jahre kreativen Schaffens konzentriert auf die letzten 20 Jahre. Mit „Emotion und Rhythmus“ bezeichnet Margarete Zahn die Herangehensweise in ihrem künstlerischen Schaffen bei gleichem Ausdruckswillen.
Zwei Wege, ein Gedanke
In den CUT-OUTS bilden bemalte Leinwände das Grundmaterial – zumeist „aussortierte“ Werke früherer Zeit. Durch das Herausschneiden mit dem Teppichmesser legt sie die Grundlage für ein neues Kunstwerk. Die „Bildzerstörung“ soll – so Zahn – „den Betrachter anregen, das Werk auf neue Art zu sehen“.
Dabei kann es hilfreich sein, zu wissen, dass sich Margarete Zahns Fragestellung in all den Jahrzehnten nicht geändert hat – wohl aber ihre künstlerische Antwort. Und bei der geht es um die existenzielle Grundfrage allen SEINS – worauf hin ist der Mensch bezogen?
Hier ist bei ihr klar eine Nähe zur zentralen Idee des Philosophen Friedrich Schleiermacher festzustellen. Er hat den Menschen ausgemacht als aus dem Unendlichen „herausgeschnitten“ – der Mensch als endliches Wesen existiere nur durch die Festlegung seiner Grenzen, die ihn „herausschneiden“ aus der Unendlichkeit. Dennoch aber ist und bleibt er Teil der Unendlichkeit. Er erfährt sich als Teil eines größeren, unendlichen Ganzen (des Universums, der Natur).
Nähme man das Ausgeschnittene von Zahns Werken (herausgeschnitten aus früheren Werken, auch den Kreuzen) und fügte es wieder ein, so wäre ein alter Zustand der Ganzheit wieder hergestellt. Das aber will Margarete Zahn ausdrücklich nicht. Vielmehr zielt ihr Schaffen gerade bei den CUT-OUTS dahin, dass die Menschen, die Betrachter sich in einem neuen Akt des Sehens ihres „Heraus-genommen-seins“ beziehungsweise „Herausgeschnitten-seins“ bewusst werden. Dass sie ihre Existenz betrachten und sehen als Teil dieses Unendlichen, aus dem sie sind und auf das hin sie bezogen sind.
Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Andreaskreuz und seiner Möglichkeit der künstlerischen Darstellung. Diese X- Form bildet sie in vielfältigen gestalterischen Variationen ab – in unterschiedlichen Formaten, sowohl als dreidimensionales Objekt aus Holz als auch zweidimensional als Malerei auf Leinwand oder Papier.
Die frühen Kreuzarbeiten (1997–2015) sind alle mit Eisenpigment und Acrylfarbe gemalt, welche nach dem Farbauftrag geätzt wurden, so dass beim Betrachter der Eindruck von einer rostigen Arbeit entsteht. Wobei hier der braune Rost als Sinnbild für Erde, Vergehen und Tod gesehen werden kann.
Nach fast zwanzig Jahren musste die Künstlerin das Arbeiten mit Eisenpigment aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Im Laufe der Zeit hat sich die Kreuzform mehr und mehr dekonstruiert, ist fast gänzlich in den Hintergrund getreten und für den Betrachter nur noch schwer erkennbar.
Das Andreaskreuz scheint auseinander zu fliegen, die einzelnen Teile der Malerei lösen sich auf. Und dennoch bleibt mehr als die Erinnerung an den Ursprung aus dem sie kamen. Zwei Linien, die sich kreuzen. Diese Geraden haben keinen Anfang und kein Ende. Sie kommen aus und gehen hin zum Unendlichen.
Ob Linien, Kreuze oder CUT-OUTS – zwei Wege, ein Gedanke in den Werken von Margarete Zahn. Vom inhaltlichen Ansatz und Ziel her geht es um den Menschen in seiner Existenz, seiner Begrenztheit und Endlichkeit. Mit einem großen „dennoch“, wie die aus dem Unendlichen kommenden und ins Unendliche gehenden Geraden zeigen oder wohin die „Bildzerstörung“ den Betrachter verweisen möchte. Er kann sich als Einzelner sehen als Teil des großen Ganzen oder – um es in der Feststellung des Psychoanalytikers C.G. Jung zusammenzuführen: Der Mensch ist auf Unendliches bezogen.
Dann hätte Margarete Zahn ein Ziel ihres künstlerischen Schaffens erreicht: Die Betrachter zu ermutigen, Kunstwerke auf neue Art zu sehen
Armin Nagel
Lust auf Kultur?
Das Podium ist das lebendige Kulturprogramm rund um die Frauenfriedenskirche in Frankfurt-Bockenheim.
Seit vielen Jahren bereichert es die Gemeinde und die umliegende Nachbarschaft mit einem vielfältigen Angebot an Veranstaltungen. Von Konzerten und Lesungen bis hin zu Vorträgen, Ausstellungen und Kabarett – Das Podium schafft Raum für Begegnung, Inspiration und Austausch.
Ein Ort mit Geschichte, Vision und Offenheit
Seit seiner Gründung verfolgt Das Podium das Ziel, Kultur für alle zugänglich zu machen und gleichzeitig einen Beitrag zum kulturellen Leben in Frankfurt zu leisten. Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Künstler*innen, Autor*innen und Referent*innen hier ihre Werke präsentiert und ihre Geschichten erzählt.
Besonders in den letzten Jahren hat sich Das Podium als Bühne für vielseitige und inspirierende Veranstaltungen etabliert. Highlights der letzten Programme waren unter anderem:
- Klassik- und Jazzkonzerte, die die besondere Akustik der Frauenfriedenskirche eindrucksvoll genutzt haben.
- Kabarettabende mit bekannten Namen der deutschen Kleinkunstszene.
- Lesungen und Vorträge, die gesellschaftlich relevante Themen wie Frieden, Gerechtigkeit und Spiritualität in den Fokus rücken.
- Kunst- und Fotoausstellungen.
Sonstiges
Gelegentliche Ausstellung „Kreuzweg hinter Stacheldraht“ mit Bildern von Lothar Zenetti in der Taufkapelle der Frauenfriedenskirche (bitte erkundigen Sie sich zum nächsten Ausstellungszeitraum)
Der Priester, Dichter und Künstler Lothar Zenetti, von dem u.a. auch viele Texte der Gotteslob-Lieder stammen, ist eng mit der Frauenfriedenskirche verbunden. Hier wuchs er auf, empfing die Taufe, Erstkommunion und Firmung und kehrte als Rentner wieder in die Gemeinde zurück.
Er malte als junger kriegsgefangener Seminarist schlichte, aber ausdrucksstarke Kreuzwegbilder auf zwei Wände der Lagerkapelle im „Stacheldrahtseminar“.
Das Stacheldrahtseminar bei Chartres ist einer der seltenen Orte, der die deutsch-französische Versöhnung verkörpert. Im dortigen Kriegsgefangenenlager gründete Franz Stock nach dem 2. Weltkrieg ein Priesterseminar, in dem zwischen 1945 und 1947 rund 1.000 deutschsprachige Seminaristen auf ihre zukünftige Aufgabe in einem neuen Europa vorbereitet wurden. In dem ehemaligen Seminargebäude ist heute die „Europäische Begegnungsstätte Franz Stock Chartres“ beheimatet.
Die Reproduktionen dieser besonderen Kreuzwegbilder von Lothar Zenetti hängen ab sofort als Daueraustellung, wenn keine Sonderausstellungen stattfinden, in der Taufkapelle der Frauenfriedenskirche.
Die Pfarrei Sankt Marien dankt der Abbé Stock Gesellschaft für die Erlaubnis, die Reproduktionen ausstellen und zeigen zu dürfen.

